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Heimat
Wie gewohnt kam ich samt Harfe und Notentasche aus dem Aufzug, doch der Weg von dort in den Flur war mit einfachen Mitteln gesperrt. „Herr Kyriakos möchte in Griechenland sterben“, sagte mir jemanden vom Pflegepersonal - und dafür müsste der gute Mann erst mal mit dem Aufzug runter…
Herr Kyriakos, ein älterer, griechischer Herr mit großen, wachen Augen, großer Nase und sprechender Mimik, saß im Wohnzimmer. Er war erst angekommen und etwas durcheinander. An diesem Tag hat ihm die, von mir fleißig rausgeholte und gespielte, griechische Melodie wenig ausgemacht. Die Harfe war, neben sonstig vorhandenen Stuhllehnen, eine praktische Stütze um aus dem Zimmer rauszukommen.
Eine Woche später war er ruhiger geworden. Sein Zimmer war von seiner Familie sehr liebevoll eingerichtet worden. Das Bett stand geschützt an der Seitenwand, neben dem bequemen Sessel ein Korb mit schmalen, länglichen Flaschen mit Likör oder Schnaps. Seine Zimmertür war, zumindest an den Tagen an denen ich da war, immer geöffnet und er saß immer direkt im Zimmer an seinem kleinen, runden Tisch, und schaute raus wer vorbeiläuft.
Und so konnte ich mit meiner kleinen Harfe auf dem Harfenwagen nie ungesehen vorbeirollen. Er sprach immer (während seine Augen noch etwas größer wurden): ‚Wollen Sie zu mir…?‘ - eine Frage, immer gefüllt mit Tönen von Ungläubigkeit, Überraschung, Freude und Neugier. Wie könnte ich da ‚Nein‘ sagen, eine feste Planung wird eh überschätzt.
Und natürlich kam ich jede Woche zu ihm. Manchmal machte Herr K. sich Sorgen, wo man denn die Harfe abstellen könnte, wenn er dann abends ins Bett möchte. Oder er fragte mich, warum ich denn ausgerechnet zu ihm ins Zimmer möchte; ob das wegen der guten Akustik sei? Ich bestätigte, dass die Harfe bei ihm im Zimmer schon sehr schön klinge, und dann antwortete er, dass er sich das schon gedacht habe.
Langsam und mit tiefer, sonorer Stimme sang er die ihm bekannten Lieder auf Griechisch mit, und mir vor, und erklärte in aller Unschuld um was es ging (den Strand, Küsschen ‚und solche Sachen‘, und Frauen die strahlen ‚wie die Madonna‘). Manchmal klatschte er mit, manchmal wurden, langsam und sorgfältig, zuerst die Fingerspitzen der rechten, dann die Fingerspitzen der linken Hand ‚angespuckt‘ und anschließend mit vorsichtig gespreizten Armen im Takt mitgeschnipst. Immer mit dem Wissen um die Anwesenheit eines Publikums, und trotzdem Bewegungen folgend, die er wie seine Muttersprache verinnerlicht hatte.
Eines Tages hatte Herr K. wieder laut- und ausdrucksstark (das wohl auch ein bisschen an seine Schwerhörigkeit lag) die Lieder mitgesungen. Direkt nach dem Letzten brachte ich, vor Freude und Rührung, mit einer Bewegung spontan meine beiden Hände an meinen Mund, küsste sie, und warf ihm mit einer öffnenden Bewegung die Hand-Küsse zu. Der anschließende Moment zwischen uns, ein Augen-Blick, gefüllt mit Herrn K.’s Staunen, Anerkennung, Wiedererkennung, Stolz und unserer gemeinsamen Freude, war für mich golden, zeitlos und unvergesslich.
Erzählung 5
Mutter und Tochter