3

Mitbewohner

 

Ich frage mich manchmal wie es ist, im Hospiz einanders ‚Mitbewohner‘ zu sein. Man hätte als Bekannten im ‚normalen‘ Leben möglicherweise kein besonders intensives Verhältnis miteinander gehabt. Und jetzt, obwohl man sich als Unbekannten begegnet, hat man was Außergewöhnliches, oder, wenn man es so nennen möchte, ‚Gravierendes’ gemeinsam: eine tödliche Krankheit, das Warten, das Verabschieden.

Und das ist einerseits bestimmt konfrontierend. Von anderen zu sehen, wie ihre Krankheit fortschreitet und derer ‚Verlauf‘ sichtbar wird. Und bei sich selber genauso zu spüren, wie die Kraft schwindet oder manche Körperfunktionen aussetzen. Und dann mitzubekommen, wie manche schon früher sterben, wie die Angehörigen kommen und trauern und der Bestatter mit dem Sarg kommt. Wie fühlt sich das an, als zurückgebliebener Mitbewohner, oder zumindest Tischgeselle der letzten Tagen und Wochen? Ist es beängstigend? Beruhigend (er/sie hat es also auch geschafft, ich kann es auch)? Oder entsteht Neid (warum darf er schon gehen, ich warte doch schon länger)?   

Bei schön oder unschön bin ich davon überzeugt, dass das Zusammen-Leben auf einer Art verbindet. Familie und Freunde müssen sich vom geliebten Verwandten oder Freund*in verabschieden, nicht doch aber von ihrem eigenen, gesamten Leben, vom Hab&Gut und sogar Körper. Die Gäste verstehen sich möglicherweise, auch ohne Worte, in ihrer Situation besser, als die eigene Familie sie naturgemäß verstehen können würde. 

Einmal habe ich für einen Gast gespielt, während auch drei Freund*innen bei ihm im Zimmer zu Besuch waren. Die Freunde haben, jede*r an seinem/ihrem eigenen Platz auf der einen Seite vom Zimmer, irgendwie einzeln und doch auch zusammen leise geweint. Gleichzeitig habe ich bei dem todkranken Menschen in diesem Bett so eine große Einsamkeit wahrgenommen. Ich habe mich gefragt, ob die Besucher sich dessen bewusst waren: wie erdrückend und teilweise auch einsam diesen letzten Weg für den sterbenden Menschen selber sein kann. Es geht wohl nicht anders, dass man alleine stirbt. Aber für manche Sterbenden macht es einen großen Unterschied, ob jemand da ist, am Bett sitzt, die Hand hält (oder auch nicht) und auf dieser Weise auf deren Weg direkt an ihrer Seite ist.

 


 

Erzählung 4

Heimat