Kleine Erzählungen über meine Erfahrungen im Hospiz

Ein kurzer Hinweis vorweg: wenn Ihnen zu meinen Erzählungen was einfällt, Sie was dazu erzählen möchten, Ideen haben oder was loswerden möchten, lese ich gerne von Ihnen, und freue ich mich auf eine Nachricht über mein Kontaktformular!  

Was mache ich da?

Meine Harfe und der Raum, in dem ich spiele, sind für mich wie eine Klangschale; ich bringe sie zum Klingen. Und gleichzeitig bin ich in dem Moment Teil dieser schwingenden Einheit: es spielt und ich klinge.

Ich spiele gerne dort wo Menschen, bewusst oder unbewusst, die Gelegenheit  suchen, sich berühren zu lassen - auf welcher Ebene auch immer. Mit dieser Art von Erlaubnis und in dieser (mal mehr, mal weniger) aufmerksamen Stille, spiele ich für die Menschen mein Instrument. In der Musik atme ich für sie, und mit ihnen.

Ich habe keine Angst vor Emotionen, Schicksalen, Trauer in Verbindung mit dem Lebensende. Vielleicht tut es mir persönlich auch gut, dass ich diesen Menschen nichts abnehmen kann. Ich kann es ihnen für ein Moment nur ‚leichter‘ machen, kurz eine Wegbegleiterin sein - das Einzige was ich dafür machen muss, ist mich an ihr Bett setzen und spielen. Einfach nur spielen: die ureigene, innerliche Bewegung eines Musikers. Ich nehme die Atmosphäre auf, spiele ‚es‘ (oder oder auch nicht), verwandele ‚es‘ (und wenn auch nur für einen Moment). Und so lasse ich Töne und Klänge, wie Sternen und Lichtstrahlen, da. Und wenn ich weg bin, „klingt es noch nach“ - was für ein Geschenk!

 

* * *

Wie kam ich dazu?

Vor vielen Jahren habe ich das Büchlein ‚Zum Ausklang des Lebens‘ von der Harfenistin Monika Binner gekauft. Ohne dass ich es gelesen hatte wusste ich, dass ich schwerkranke und sterbende Menschen begleiten kann, und dass ich das irgendwann ausprobieren möchte. Ich plante, an einer kleinen Fortbildung (zum Musizieren am Sterbebett) teilzunehmen, und schaute online nach Hospizen in meiner Umgebung.

Als ich dann zum ersten Mal zufällig vor dem Hospizhaus stand, das ich online gesucht habe, erstarrte ich für einen Moment. Ich hätte vielleicht klingeln können, mich dort vorstellen können (das war vor-Corona…), aber ich hatte Herzklopfen und Angst, vor dem, was in dem Haus ist oder sein könnte. Es gibt manchmal Momente, wo man sich gegen etwas entscheidet, und diese Entscheidung dann sofort in einem selber Traurigkeit oder Enttäuschung auslöst. Ich entschied mich dazu, schnell weiterzugehen - und noch während meines 'Abhauens' bedauerte ich es…

Später habe ich telefonisch Kontakt aufgenommen und hatte ein persönliches Gespräch mit der Hausleitung, zum gegenseitigen Kennenlernen. Als ich dann, ein paar Wochen später, mit meiner Harfe im Auto vor dem Hospiz stand, war von dieser Angst keine Spur mehr da. Ich war komplett ruhig und hatte das klare innere Gefühl: ‚ich bin hier richtig‘.

 

* * * 

Glücksgefühle?

Das Gesicht der alten Dame hatte sehr feine Züge und war das einzige, das über die dünne Bettdecke rausschaute. Mit hoher Stimme freute sie sich sehr, dass ich sie in ihrem Zimmer besuchte - sie strahlte wie die Sonne.

Nach dem ersten Stück füllte ich den Raum mit den Tönen eines zweiten Stückes - ohne zu verraten, was ich spielen würde. Fast direkt fing die Dame zu weinen an. Sie brachte ihre dünne Hände von unter der Bettdecke zu ihrem Gesicht, und ‚hielt‘ es selber. Während ich leise weiterspielte, fragte ich sie, ob es für sie in Ordnung ist, und ob ich weiterspielen soll.

Mit den Strahlen der tiefhängenden Sonne im Zimmer und mit der Erlaubnis dieser alten Dame, sie durch eine (wie sich später herausstellte) wunderbare Erinnerung aus ihren jungen Jahren zu begleiten, spielte ich dieses Stück mehrmals hintereinander, bis ich das Gefühl hatte, dass es gut war.

Ein paar Tage später erzählte sie dem pflegenden Personal, dass eine Harfe für sie spielt. Wenige Stunden danach schlief sie friedlich ein.

 

* * *

Hinter den Türen

Ich möchte beschreiben, was ich vom ‚Hospizalltag‘ mitbekome wenn ich da bin, und meine (möglicherweise laienhaften) Gedanken dazu formulieren.

Hinter den Türen des Hospizes wirkt es auf mich manchmal wie eine Oase: es gibt dort eine große Ruhe, Sorgfalt, Achtsamkeit vor und in den letzten, verbleibenden Tagen, Wochen oder manchmal auch Monaten. Es sind immer Menschen da, sowohl Gäste als auch Pflegepersonal und das Haus ist für Verwandten durchgehend (telefonisch) erreichbar. Die Uhr hat weniger Bedeutung, man wartet ab was kommt: niemand kann wirklich planen oder vorhersagen.

Es gibt natürlich trotzdem so was wie einen gestalteten Alltag: gemeinsames Frühstück, gemeinsamen Kaffee & Kuchen, gemeinsames Abendessen - alles wo weit, wie es den Gästen möglich ist. Manche nehmen nicht teil, vielleicht wollen sie einfach ihre Ruhe, oder können sie nicht mehr aufstehen. Oder können nicht mehr gut essen, und sitzen dann auch nicht gerne mit am Tisch. Es werden manchmal Brettspiele gespielt, es kommen spezialisierte Physiotherapeuten vorbei, mancher Psychotherapeut begleiten ihre Patienten auch in dieser Phase, es werden Geschichten ausgetauscht, es gibt Kunsttherapie.

Die Zimmer können von den Gästen und ihren Familien ganz individuell gestaltet werden. Die Möbel sind verschiebbar, die Bilder an der Wand kann man runternehmen und eigene aufhängen. Manche bringen nur wenig persönliche Gegenstände mit, und lassen das Zimmer weitgehend so, wie sie es vorfinden. Andere Zimmer werden zu einem komprimierten Form vom ‚alten‘ Zuhause, oder auch zu einem Ausdruck der persönlichen Vorlieben.

Vielleicht wollen das manche so haben, eine Art von (emotionale?) Neutralität. Vielleicht kommen manchen Angehörige nicht auf die Idee, groß was daraus zu machen oder fällt ihnen nicht so viel ein. Vielleicht hat der Gast nicht die Kraft, eigene Wünsche zu äußern, oder möchten manche sehr Bescheidenen keine Umstände machen. Vielleicht müssen beide Seiten diesen ‚Umzug’ erst mal auf einer anderen Art verarbeiten. Aber das sind so meine persönliche Vorstellungen dazu. Mir ist bewusst, dass alles Geschehen Vielschichtig ist, und meine Meinung ist darum nicht so wichtig. Ich denke nur (bei alles Weiheit ;-)) manchmal so leise vor mich hin.

Doch manche Kleinigkeiten (oder auch Großigkeiten ) können so schön sein: die eigene Bettdecke, Familienfoto’s, Bilder von langjährigen, geliebten Lebensbegleiter (z.B. der grünen Papagai), eine große Maria-Statue, SC Freiburg-Fahnen….

Wenn ich in die Situation kommen würde, ins Hospiz ziehen zu müssen, hätte ich sehr gerne eine kleine Troubadour-Harfe mit in meinem Zimmer. Man könnte darauf spielen (ich am Ende wohl eher nicht mehr), das muss aber auch nicht sein. Ihre ‚Anwesenheit‘ würde mir Vertrauen und Zuversicht geben. 

 

* * *

Mitbewohner

Ich frage mich manchmal wie es ist, im Hospiz einanders ‚Mitbewohner‘ zu sein. Man hätte als Bekannten im ‚normalen‘ Leben möglicherweise kein besonders intensives Verhältnis miteinader gehabt. Und jetzt, obwohl man sich als Unbekannten begegnet, hat man was Außergewöhnliches, oder, wenn man es so nennen möchte, ‚Gravierendes’ gemeinsam: eine tödliche Krankheit, das Warten, das Verabschieden.

Und das ist einerseits bestimmt konfrontierend. Von anderen zu sehen, wie ihre Krankheit fortschreitet und derer ‚Verlauf‘ sichtbar wird. Und bei sich selber genauso zu spüren, wie die Kraft schwindet oder manche Körperfunktionen aussetzen. Und dann mitzubekommen, wie manche schon früher sterben, wie die Angehörigen kommen und trauern und der Bestatter mit dem Sarg kommt. Wie fühlt sich das an, als zurückgebliebener Mitbewohner, oder zumindest Tischgeselle der letzten Tagen und Wochen? Ist es beängstigend? Beruhigend (er/sie hat es also auch geschafft, ich kann es auch)? Oder entsteht Neid (warum darf er schon gehen, ich warte doch schon länger)?   

Bei schön oder unschön bin ich davon überzeugt, dass das Zusammen-Leben auf einer Art verbindet. Familie und Freunde müssen sich vom geliebten Verwandten oder Freund*in verabschieden, nicht doch aber von ihrem eigenen, gesamten Leben, vom Hab&Gut und sogar Körper. Die Gäste verstehen sich möglicherweise, auch ohne Worte, in ihrer Situation besser, als die eigene Familie sie naturgemäß verstehen können würde.

Einmal habe ich für einen Gast gespielt, während auch drei Freund*innen bei ihm im Zimmer zu Besuch waren. Die Freunde haben, jede*r an seinem/ihrem eigenen Platz auf der einen Seite vom Zimmer, irgendwie einzeln und doch auch zusammen leise geweint. Gleichzeitig habe ich bei dem todkranken Menschen in diesem Bett so eine große Einsamkeit wahrgenommen. Ich habe mich gefragt, ob die Besucher sich dessen bewusst waren: wie erdückend und teilweise auch einsam diesen letzten Weg für den sterbenden Menschen selber sein kann. Es geht wohl nicht anders, dass man alleine stirbt. Aber für manche Sterbenden macht es einen großen Unterschied, ob jemand da ist, am Bett sitzt, die Hand hält (oder auch nicht) und auf dieser Weise auf deren Weg direkt an ihrer Seite ist.

 

* * *